Frühere Produktionen mit Bildern

    Eine Uraufführung im Wilhelma Theater: Bis zum letzten Tanz

    Ensembleproduktion von Kjell Moberg (Regie) und Christian Schönfelder (Text)
    mit dem 3. Jahrgang der HMDK Stuttgart
    In Koproduktion mit dem JES (Junges Ensemble Stuttgart)

    Es sind unruhige Zeiten. Die Wirtschaft kränkelt, ideologische Grabenkämpfe sorgen für Unruhe und Provokationen, Vorbehalte gegenüber allem Fremden werden größer, rechte Kräfte greifen nach der Macht. Die Welt gleicht einem Pulverfass.

    Luisa und Ursel, Helene und Paul, Kalle und Hans, Suse und Franz aber wollen vor allem: ihr Glück finden, ein Leben führen mit verlässlichen Freunden und guter Arbeit, Karriere machen, kreativ sein und vielleicht sogar schon eine Familie gründen. Die schlechten Nachrichten aus aller Welt prallen ab an den vier Wänden, die sie umgeben. Sie wissen nicht, welche Lawine sie überrollen könnte. Und sie wollen es auch gar nicht wissen.

    "Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist", sagte Erich Kästner. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Lawine aufzuhalten? Wann ist es Zeit, politisch aktiv zu werden?

    Die acht Schauspiel-Studierenden des 3. Jahrgangs der HMDK Stuttgart entwickeln gemeinsam mit dem norwegischen Regisseur Kjell Moberg und JES-Autor Christian Schönfelder ein Stück über acht junge Menschen in einer globalen Umbruchsituation. Für ihre Rollen haben sie sich inspirieren lassen von verschiedenen realen Ereignissen und Biografien in Stuttgart in den 1930er Jahren.

    Eine von ihnen ist die jüdische Tänzerin Susanne Rosenthal. Als Suse Rosen tanzt sie sich am Stuttgarter Theater Ende der 20er Jahre in die Herzen des Publikums: mit 17 Jahren als „traumzarte Elfenbeingestalt“ in Stuttgart gefeiert, mit 22 Jahren beschimpft und im Jahr darauf, 1933, per Postkarte gekündigt und mit Berufsverbot belegt. Sie muss das Land verlassen, um überleben zu können. Andere bleiben, sie hoffen dass der „Spuk“ bald ein Ende haben möge.

    Es spielen die Schauspielstudierenden des 3. Jahrgangs der HMDK Stuttgart: Lua Mariell Barros Heckmanns, Daniel Dietrich, Giovanni Funiati, Lorena Handschin, Sebastian Kempf, Jelena Kunz, Thorsten Rodenberg, Arwen Schünke

    Regie: Kjell Moberg
    Text: Christian Schönfelder
    Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen
    Musik: Frank Kuruc
    Dramaturgie: Frederik Zeugke

    Kjell Moberg, Gründer und künstlerischer Leiter der internationalen Theatercompanie N.I.E., wurde zuletzt im Frühjahr 2017 mit der "Hedda", dem höchsten Theaterpreis Norwegens ausgezeichnet.

    Dank an das Hauptstaatsarchiv Ludwigsburg und die Initiative Stolperstein e.V. Stuttgart für die Unterstützung bei unseren Recherchen.

    Premiere am 6. Oktober 2017, 20 Uhr
    10 Vorstellungen bis Mitte Dezember 2017 im Wilhelma Theater sowie 5 weitere Vorstellungen im Juni 2018 im JES

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Giuseppe Verdi: Rigoletto

    „Mir scheint, was die Bühnenwirksamkeit betrifft, dass das beste Sujet, das ich bisher in Musik gesetzt habe, Rigoletto ist.“  Giuseppe Verdi

    Wer kennt nicht „La donna è mobile“, das Lied des Herzogs, das schon wenige Tage nach der Uraufführung 1851 in Venedig auf der Straße gesungen wurde? „Rigoletto“ basiert auf Victor Hugos 1832 entstandenem Drama „Le Roi s’amuse“. Noch am Tag der Uraufführung verbietet der französische Innenminister das Stück unter dem Vorwurf der „Unmoral“.

    Verdi erkannte die einzigartigen szenisch- dramatischen Effekte des Werkes, das er Shakespeares Theaterstücken ebenbürtig fand. Begeistert schrieb er an seinen Librettisten Piave: „‘Le Roi s’amuse‘ ist der großartigste Stoff und vielleicht auch das großartigste Drama der modernen Zeiten“.

    Das Schicksal des Vaters und Hofnarren Rigoletto, der sich einem verantwortungslosen Hofstaat andient, von einem anderen Vater verflucht wird und seine eigene Tochter aus Rachegelüsten an den Herzog unwillentlich töten lässt, inspirierte Verdi zu einem neuartigen Musiktheaterstil. Das Orchester ist nicht mehr nur Begleiter der Singstimme. Musik und Gesang sind allein durch das dramatische Geschehen gerechtfertigt, jede Note dient der Wahrhaftigkeit des Ausdruckes. „Beachten Sie“, hatte er von der Sängerin der Lady Macbeth vier Jahre zuvor gefordert, „dass jedes Wort seine Bedeutung hat und dass es absolut notwendig ist, diese durch die Stimme sowie auch durch die Darstellung auszudrücken“.

    Vokale Akrobatik ohne psychologische Motivierung waren ihm, dem Vorreiter des szenisch- musikalischen Dramas, fern. Gesellschaftlicher Hintergrund und individuelle Schicksale bedingen einander wechselseitig.

    Diese Verknüpfung konnte auch nicht durch die Versuche der österreichischen Zensur, das Stück „zu entschärfen“, eliminiert werden. Verdi wurde gezwungen, das Stück nicht am Hofe des tatsächlich lebenden französischen Königs Franz I spielen zu lassen, sondern an einem  nicht näher benannten Hof in Mantua. Weitere Änderungen, wie die Behinderung Rigolettos und den Sack mit der Leiche Gildas verweigerte er der Zensur mit Berufung auf den dramatischen Effekt. „Ich habe den Stoff genau wegen dieser Eigenschaften(…) gewählt. Wenn man sie tilgt, kann ich nicht mehr die Musik dazu schreiben.“

    Die Intimität des Wilhelma Theaters ist nachgerade ideal, um die Schärfe und Provokation des Stoffes aufzudecken und den Fokus auf die Psychologie der Figuren zu lenken. 

    Für die Studierenden der Opernschule bietet „Rigoletto“ eine großartige Möglichkeit, den vokalen, aber auch szenischen Herausforderungen dieser Oper gerecht zu werden und weitere wertvolle Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit einem bahnbrechenden Werk des Repertoires zu sammeln.

    Mit Studierenden der Opernschule
    Es spielt das HochschulSinfonieOrchester

    Musikalische Leitung: Bernhard Kontarsky
    Regie: Kornelia Repschläger
    Bühne: Kersten Paulsen
    Kostüme: Ralf Christmann

    Premiere am 11. Juni 2017
    Weitere 6 Vorstellungen bis 21.6.2017

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Uraufführung: Du tremblement - Vom Zittern

    Grafik: Jean Pierre Larroche

    «Man muss das Zittern greifen, bevor es uns greift!»
    Tseu Lou Chang

    Wenn wir mit leblosen Dingen  spielen, auf der Bühne oder sonst wo, ist es das Zittern, das den Impuls des Lebendigen gibt. Ein leichtes Zittern, feine Variationen, Unregelmäßigkeiten, Unterbrechungen.

    Wir erfinden die Dinge, wir erfinden uns, und unter unserer zitternden Hand entsteht ein Moment.
    Das Prinzip des Zitterns, als Atem der Dinge.
    Ein Zögern.
    Es springt ein Schauer in den Puls, diese Bewegung, die wie die Unterschrift des Lebens ist.
    Ein "Wo" das komplett zittert, von einem wir, vor einem uns.

    Das Stück «Vom Zittern» erfindet einen Ort, der alles, egal ob Objekt, Figur, Instrument oder Körper zum Erzittern bringen wird…
    Die Bühne des Wilhelma Theaters wird zum Labor, zur Werkstatt des Zitterns, in der Szenen, Geschichten, Texte und Musik erdacht, ausprobiert und gespielt werden.

    Eine Produktion des Studiengangs Figurentheater (2. Jahrgang) unddem Institut Jazz & Pop in Kooperation mit dem NEWZ-Festival des FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart

    Konzept und Regie: Anne Ayçoberry und Jean Pierre Larroche
    gemeinsam mit den Studierenden:
    Noemie Beauvallet, Laura Boser, Li Kemme, Gerda Knoche, Helga Lazar, Coline Ledoux, Britta Tränkler - Studierende des Studiengangs Figurentheater
    und Thilo Adam, Lucas Klein, David Schuckart - Studierende des Instituts Jazz & Pop
    der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Assistenz : Coline Petit
    Licht : Ingo Jooß
    Betreuung Bau: Janusz Debinski
    Künstlerische Betreuung: Julika Mayer

    Premiere: Samstag, 1. April 2017, 20 Uhr

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Ein Opern-Doppelabend: "What next?" und "Gianni Schicchi"

    Die Opernschule zeigt im Januar und Februar 2017 gleich zwei Operneinakter an einen Abend:

    What next?
    Text: Paul Griffiths; Musik: Elliott Carter
    In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

    Ein Unfall ist geschehen. Von den sechs “Opfern”, alle unverletzt, soweit wir sehen können, haben die fünf Erwachsenen verschiedene Ansichten darüber, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und wie sie zur selben Zeit an denselben Ort geraten sind.

    MAMA Wir waren auf dem Weg zur Hochzeit meines Sohnes, der darauf beharrt, sich Harry oder Larry zu nennen, mit Rose. Zen ist mein früherer Mann, der Vater von Harry oder Larry. Stella ist vermutlich seine jetzige Freundin. Ich weiß nicht, wer Kid ist.
    ZEN Alles, was Mama sagt, mag wahr sein, aber das wichtigste ist, dass alle diese Leute meine Anhänger sind – ich bin ein Lehrer, ein Meister. Nur ich – so hoffe ich – weiß, was für ein Betrüger ich bin. Ich werde mich vollkommen selbstbewusst verhalten.
    ROSE All dies mag wahr sein, aber das wichtigste ist, dass ich auf dem Rückweg von einer Vorstellung war. Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich für mich, von Bewunderern umgeben zu sein. Es ist relativ belanglos für mich, wer diese Menschen sind.
    HARRY ODER LARRY Wen interessiert’s?
    STELLA All dies mag wahr sein (wenn man davon absieht, dass das, was mein Vorgänger gerade sagte, kaum eine zu beweisende Wahrheit ist), doch meine eigene Erinnerung ist, dass ich auf meinem Weg zur Arbeit war, ins Observatorium. Wenn dem nicht so war, dann leide ich vielleicht an irgendeiner vorübergehenden mentalen Störung und muss versuchen, mich ruhig zu verhalten, bis die Dinge klarer werden.

    Gianni Schicchi
    Text: Giovacchino Forzano nach Dante; Musik: Giacomo Puccini
    In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

    Florenz im Jahre 1299. Der alte Buoso Donati ist gestorben und die Verwandtschaft angerückt, um seinen Tod zu beklagen und nach dem Testament zu suchen. Endlich gefunden, enthüllt das Schriftstück leider, dass der Großteil des hinterlassenen Vermögens an die Kirche gehen soll. Rinuccio, der Neffe von Buosos Cousine Zita, hat nach Gianni Schicchi geschickt, der zwar im Gegensatz zur alteingesessenen Familie Donati lediglich ein ungeachteter Zugereister in Florenz ist, dem man aber die Lösung dieses ‚Problems’ zutraut. Ganz nebenbei spekuliert Rinuccio auch noch auf Schicchis Tochter Lauretta. Da die Nachricht vom Tode des alten Buoso noch nicht nach draußen gedrungen ist, schlüpft Schicchi kurzerhand in dessen Rolle und diktiert dem eilig herbeigerufenen Notar vor Zeugen eine neue Testamentsversion, in welcher er die gierige Verwandtschaft mit Petitessen abspeist, sich selbst aber die Sahnestückchen aus Buosos Besitz vermacht. Den wütenden Betrogenen führt er die damals in Florenz übliche Strafe für Testamentsfälscher und deren Mitwisser vor Augen: Verlust der rechten Hand.

     

    Es singen und spielen:
    Victoria Kunze, Haeyeon Lee, Vanessa Looß, Birte Markmann, Sophia de Otero, Joyce de Souza, Manuela Vieira; Arthur Cangucu, José Carmona, Philipp Franke, Johannes Fritsche, Sandro Machado, Johannes Mooser, Vladislav Pavliuk, Roman Poboinyi, Pascal Zurek; Helen Sophie Schmitt, Severin Schmitt.

    Es spielt das Stuttgarter Kammerorchester verstärkt durch Studierende der Instrumentalklassen.

    Musikalische Leitung: Prof. Bernhard Epstein
    Regie: Bernd Schmitt
    Bühne und Kostüme: Birgit Angele

     

    Premiere am 28. Januar 2017, 19 Uhr im Wilhelma Theater
    weitere Vorstellungen bis zum 14. Februar 2017


    Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter

    CHORFÜHRER: Feuergefährlich ist viel,
    Aber nicht alles, was feuert, ist Schicksal,
    Unabwendbares.
    CHOR: Anderes nämlich, Schicksal genannt,
    Dass du nicht fragest, wie´s kommt,
    Städtevernichtendes auch, Ungeheures,
    Ist Unfug.

    So steht es zu Beginn von Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter". "Ein Lehrstück ohne Lehre" sei es, vermerkte der Autor. Das Stück spielt in einer Zeit, da allerorten Dachböden in Flammen aufgehen. Und Jedermann, so auch der Herr Biedermann, schüttelt darüber verständnislos den Kopf. Wie kann es nur dazu kommen, fragt der sich, und lässt nur einen Moment später Unbekannte in seinen Dachboden einziehen, die bald darauf Benzinfässer hinaufschleppen und ihn schließlich sogar um Streichhölzer bitten. Biedermann sieht die Gefahr, redet viel übers Handeln, nimmt sich einfachste Lösungswege vor, ändert aber sehenden Auges nichts am Lauf der Dinge. Auch sein Zuhause endet in Flammen. Einer der Brandstifter bekennt dem Biedermann offen: "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität […] Aber die beste und sicherste Tarnung […] ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand."

    Frischs Parabel ging "wie ein Lauffeuer" um die Welt. Wo sie nichts geändert hat, hat sie die Gemüter zumindest erhitzt - oder amüsiert angesichts der Fehler der immer anderen.

    "Genau das passiert, ja, das passiert, wenn man die Kommunisten zu sich hereinlässt!", so notierte sich Frisch die Reaktion der Züricher bei der Uraufführung von Biedermann und die Brandstifter" im Jahr 1958. Der Autor versuchte, diese einäugige Sichtweise auf sein Stück zu korrigieren, indem er für deutsche Bühnen einen Epilog hinzusetzte. Darin betont Frisch, dass dieser Biedermann sich nicht etwa Kommunisten ins Haus holte, sondern deutlich mit den Nazis fraternisierte. Dieses Nachspiel wurde 1966 in Moskau dankbar aufgegriffen, denn es diente den Moskauern wiederum, die Differenz von realem Handeln und idealem Reden als ein klar deutsches Problem zu erkennen - nicht etwa als ein russisches. Und in New York? Da war die Aufführung 1963 schlicht durchgefallen: Frisch stellt knapp fest: "Ein amerikanischer Businessman hat kein schlechtes Gewissen, 'free enterprise' ist 'free enterprise' ". Das alles ist nun lang her. Frischs Drama hat nicht nur die Bühnen der Welt erobert, sondern auch die Niederungen sämtlicher Schulbänke Deutschlands kennengelernt, in denen die Parabel vom zahnlosen Mittelständler pflichtgemäß Jahr für Jahr durchgekaut wurde. Und bei der Überdeutlichkeit der Aussage schlich sich hier und da sicher ein bisschen Langeweile gegenüber historischen Wahrheiten ein. Die Historie freilich ist keine Einbahnstraße.

    Während Max Frisch Biedermanns Nähe zu den Nazis, die er im Epilog extra nachgereicht hatte, einige Jahre später wieder als zu gestrig gestrichen hatte, erscheint sie im Jahre 2016 wieder in einem anderen Licht - einem neuen, alten Feuerschein.

    Premiere: 7.Oktober 2016, weitere Vorstellungen bis Mitte Dezember 2016

    Regie: Annette Pullen
    Ausstattung: Iris Kraft
    Dramaturgie: Frederik Zeugke

    Mit Studierenden des 3. Jahrgangs Schauspiel:
    Inga Behring, Elena Berthold, Kim Vanessa Földing, Milan Gather, Nurettin Kalfa, Jannik Mühlenweg, Philippe Thelen, Christopher Vantis

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Jacques Offenbach: Les Contes d'Hoffmann

    Opéra fantastique en 5 actes
    Text von Jules Barbier; Musik von Jacques Offenbach
    In der Kammerfassung von Jan-Benjamin Homolka

    Man darf Offenbachs letztes Werk - „Les contes d’Hoffmann“, nach einem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré – getrost als einen mit enormer Entschlossenheit vorangetriebenen Versuch werten, am Ende eines bereits absehbaren Lebens mit einem großen Wurf aus dem Schatten der rasant produzierten und auf allerlei Tagesereignisse anspielenden Operetten herauszutreten und der Nachwelt ein weit über alle Tagesaktualität hinausweisendes Künstleropus zu hinterlassen. Wie in einem unendlichen Spiegelkabinett überlagern sich in Offenbachs Werk die Figuren und die Ereignisse, die wir sozusagen aus allen Perspektiven bestaunen können, als spazierten wir frei durch Raum und Zeit. Natürlich ist Hoffmann nicht Offenbach und doch verrät die zwischen erotischer Erfüllung und künstlerischer Selbstverwirklichung oft genug betrunken hin- und herschwankende Titelfigur viel über die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft, mit der sich auch Offenbach, nicht immer zu seiner Freude, auseinander zu setzen hatte. Während in der Oper Hoffmann im Berliner Weinkeller ‚Lutter und Wegener’ von seinen erotischen Niederlagen erzählt, läuft imaginär parallel in der nahegelegenen Oper Mozarts Don Giovanni, in welcher Hoffmanns große Qual und Liebe Stella die Donna Anna singt. Olympia, die automatische Puppe, Antonia, die Künstlerin und Giulietta, die Kurtisane sind Abspaltungen von Stella, so, wie Coppelius, Mirakel und Dappertutto Abspaltungen des Stadtrats Lindorf sind, der letztlich gegenüber dem stockbesoffenen und für Stella diese Nacht nicht mehr zu gebrauchenden Hoffmann bei Stella den Sieg davonträgt. Bernd Schmitt und Birgit Angele stellen in ihrer Realisation dieser phantastischen Oper den Aspekt der Abspaltungen und Verdoppelungen ins Zentrum. In einer Welt der gestohlenen Schatten, der verlorengegangenen Spiegelbilder, der Täuschungen und Ängste erleben wir die Wirklichkeit als krudes Manifestum eines wahrhaft kreativen Geistes.

    Bernd Schmitt



    Mit Dafne Boms, Clémence Boullu, Arthur Canguçu, Melanie Dreher, Philipp Franke, Byung-Gil Kim, Victoria Kunze, Tianji Lin, Sandro Machado, Robin Neck, Roman Poboinyi, Lisbeth Juel Rasmussen, Thomas Røshol, Anais Sarkissian, Lara Scheffler, Joyce de Souza und Maria Theresa Ullrich a.G.

    Es spielen Studierende der Instrumentalklassen der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Musikalische Leitung: Nicholas Kok
    Regie: Bernd Schmitt
    Ausstattung: Birgit Angele

    Premiere am 8. Juni 2016, 19 Uhr
    Weitere 6 Vorstellungen bis 20.6.2016

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    zerSTÖRung - Performance

    Foto: Bordat/Meunier

     

    zerSTÖRung
    unter der Leitung von Pierre Meunier und Marguerite Bordat

    mit Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
    Performance

    Sieben Studenten werden vor den Trümmern ihrer Arbeit stehen: Das Projekt zerSTÖRung ist eine Einladung, die destruktive Seite der menschlichen Natur als etwas Kreatives zu begreifen.

    Wir beobachten eine Gruppe von forschend-manipulativen SpielerInnen bei der Entwicklung von Zerstörungsmaschinen, folgen ihren ebenso amüsanten wie bösartigen Experimenten mit dem destruktiven Repertoire einer zerstörerischen Gesellschaft. Drei (Jazz-)Musiker begleiten die  LaborantInnen bei dieser tragikomischen Performance.
    Fangen wir an endlich Schluss zu machen – mit unserem Nächsten, den lieben Ideen, unserem Besitz, unseren Bequemlichkeiten, unserem Hund... Erwarten wir einen Abend, der kein Morgen kennt – zerstörend und betörend.

    Für die IMAGINALE und das Wilhelma Theater unternimmt das Regieteam Pierre Meunier und Marguerite Bordat mit Studierenden der Studiengänge Figurentheater und Jazz/Pop der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst eine theatrale Erkundung zum Thema ZERSTÖRUNG.

    Als künstlerischer Universalist und leidenschaftlicher Grenzüberschreiter zählt der Schriftsteller, Bühnenbildner, Schauspieler, Filmemacher und Regisseur Pierre Meunier zu den spannendsten Persönlichkeiten der französischen Theaterszene.
    „Pierre Meunièr gilt in Frankreich als Ausnahmeerscheinung, vereint er doch die Berufe des Autors, Schauspielers, Regisseurs und Bühnenbildners in einer Person und lässt sich obendrein mit seiner Arbeit in kein gängiges Schema einordnen. Den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn startete er im Nouveau Cirque de Paris und im berühmten Pferdespektakel von Zingaro sowie in der Volière Dromesko. Er war Schauspieler am Théâtre du Radeau, in welchem er mit dem Regisseur Matthias Langhoff zusammenarbeitete. Pierre Meunier ist gleichermaßen vom sprachlichen Ausdrucksreichtum, wie der anschaulichen Präsentation schwieriger wissenschaftlicher Themen fasziniert und unterhält sein Publikum in diesem Spannungsverhältnis.“ (
    www.european-cultural-news.com / Online Kultur Magazin).

    SPIEL

    Marius Alsleben, Anne Brüssau
, Sarah Chaudon, Rafi Martin, Clara Palau y Herrero
, Emilien Truche
, Yannick Stasiak

    MUSIK
    
Jan Kappes,
    Apollonio Maiello, Franziska Schuster


    LEITUNG

    Pierre Meunier, 
Marguerite Bordat

    BETREUUNG 

    Prof. Julika Mayer
, Prof. Rainer Tempel

    Koproduktion der IMAGINALE - Internationales Figurentheaterfestival mit dem Wilhelma Theater Stuttgart

    Mit freundlicher Unterstützung des Institut français und des französischen Ministeriums für Kultur und Kommunikation / DGCA, der Stiftung Kunst und Kultur der Landesbank Baden-Württemberg sowie der Falk Adler GmbH & Co KG, Schrott, Metalle, Gebrauchtmaschinen


    Premiere im Wilhelma Theater am 8. April 2016, 20 Uhr
    Weitere Vorstellungen am 9., 14. 16. und 17. April 2016.

    Einen optischen Eindruck der Performance finden Sie HIER!

     

    Fotos: Florian Feisel

    Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro

    Mozarts "Le Nozze di Figaro" auf der Bühne des Wilhelma Theaters - wieder ein Repertoirestück quasi in Konkurrenz zum benachbarten renommierten Opernhaus? Ja, unbedingt, wenn auch nicht als Konkurrenz, sondern als gelebte Vielfalt. Schließlich gibt es für junge Sängerinnen und Sänger kaum einen besseren Lehrmeister als Mozart, musikalisch wie szenisch. Er erzieht zu Genauigkeit, Delikatesse, Glaubwürdigkeit, ohne je zu überfordern. Und gerade weil in den etablierten Häusern die Partien des "Figaro" eher mit reiferen Sängerdarstellern besetzt werden, macht ein durchweg junges Ensemble dieses Werk wieder neu und aktuell.
    Worum geht es? Das Libretto, von Lorenzo da Ponte nach Beaumarchais’ gleichnamigem Drama genial gerafft konzipiert, hat die sich wandelnden Hierarchien der Vor-Revolutionszeit zum Thema. Adel und Geld verleihen schon nicht mehr per se Autorität. Die Gewinner im gesellschaftlichen Spiel sind Intelligenz, Einfallsreichtum und List. Verpackt wird diese Botschaft in den bewährten Komödienstoff von Liebe, Untreue und Intrige. Das trifft auch auf moderne Umbruchzeiten zu, wie wir sie zum Beispiel am "Untergang" des Ostblocks beobachten konnten: einerseits gibt es Freiheit für Meinung, Entscheidung und Lebensgestaltung - andererseits rücksichtslose Bereicherung und neue Abhängigkeiten.
    Zum Kern der Handlung: Susanna und Figaro, Bedienstete des Grafen Almaviva, wollen heiraten. Der Graf, ihr Chef, versucht das zu verhindern, weil er in Susanna verliebt ist und sie in die Zahl seiner Eroberungen einreihen möchte. Das ist doppelt perfide, weil vor wenigen Jahren Figaro, der als Handwerker mittlerweile insolvent und daher jetzt beim Grafen angestellt ist, diesem seinem Freund (wie er immer noch glaubt) mit List und Raffinesse zur Ehe mit Rosina verholfen hatte. Denn eigentlich hatte Rosinas Vormund Bartolo es auf sie abgesehen - der sich im Verlauf der Oper dann allerdings als Figaros unbekannter Vater herausstellt. Die gräfliche Ehe ist nicht glücklich, was sich bei der Gräfin Rosina in depressiven Verstimmungen und gefährlichen Schwärmereien zeigt, beim Grafen in außerehelichen Aktivitäten. Das Ganze ist ein rasantes Verwirrspiel, in dem der angeblich so fortschrittliche junge Graf inzwischen bereut, Standesprivilegien wie das "Recht der ersten Nacht" - das heute für die sexuelle Abhängigkeit von Frauen allgemein stehen kann - freiwillig aufgegeben zu haben. Fortschrittler, Reaktionäre, Gescheiterte und Sonderlinge bevölkern das Schloss des Grafen -das wir in eine phantasierte Umbruchzeit transponieren. Eine Zeit, in der überkommene Regeln und Privilegien nicht mehr gelten, neue noch nicht wirklich etabliert sind oder aus Sehnsucht nach Anarchie abgelehnt werden. Parallelen zu heute sollen angedeutet, Erkenntnisse daraus aber dem Publikum
    überlassen bleiben.

    Es singt ein internationales Ensemble von Studierenden der Stuttgarter Opernschule.


    Das Stuttgarter Kammerorchester wird ergänzt durch Studierende der
    Bläser- und Streicherklassen der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Regie: Dagny Müller
    Ausstattung: Kersten Paulsen

    Werkeinführung durch den Dramaturgen Markus Hänsel jeweils 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung

    Premiere: 7. Februar 2016, weitere 6 Vorstellungen bis Mitte Februar 2016

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Botho Strauß: Sieben Türen. Bagatellen

    Ein Mini-Welttheater des Missverstehens, 13 Bagatellen aus dem grotesk-tragischen Alltagsleben – darunter sind:

    Ein frisch getrautes Hochzeitspaar sitzt verloren daheim – vor lauter Glück hat es vergessen, Gäste einzuladen. Honigmond und Katzenjammer.

    Ein genialer Forscher, der sich auf der Schwelle seines größten Triumphes umgebracht hat, um auch die letzte Spur seiner gefährlichen Erfindung auszulöschen, begegnet im Jenseits dem Nichts, einem jämmerlichen Langweiler, an den er sich nun auf immer gebunden sieht. Die Hölle als ewiger Smalltalk – „jeder bekommt das Nichts, das er verdient hat.“

    Ein Parkwächter sucht Schutz bei einem Leibwächter – das Leben sei schließlich gefährlich.

    Auf kleinstem Raum versucht Botho Strauß so etwas wie ein romantisches Projekt: In jedem nervösen kleinen Angestellten steckt bei ihm ein aus Verzweiflung tragisch-komischer Amokläufer. Den untoten, rundumversicherten Menschen zeigt er mit anarchischer Lust in dem Augenblick, bevor seine Sicherungen durchbrennen, bevor er wieder Mensch wird.

      

    Es spielen die Schauspielstudierenden des 3. Jahrgangs: Mattea Cavic, Ognjen Koldzic, Simon Mazouri, Viktoria Mikhnevich, Mark Ortel, Franziska Maria Pößl, Vera Maria Schmidt und Philippe Thelen

    Regie: Niklaus Helbling
    Bühne & Kostüme: Anja Hertkorn
    Dramaturgie: Franziska Kötz

    Premiere am Samstag, 19. September 2015 um 20 Uhr
    sowie weitere Vorstellungen im Wilhelma Theater bis Dezember 2015

     

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Georges Bizet: Carmen

    Opera comique in vier Akten nach einer Novelle von Prosper Mérimée.
    Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy.

    Carmen ist sicher eines der am meisten klischeebeladenen Werke aus der Hitliste des Opernbetriebs. "Ein Glücksfall", sagt Matthias Schönfeldt, der Carmen mit den Studierenden der Opernschule erarbeiten wird, "denn jede Figur dieser Oper ist uns nahe und vollkommen aus dem Hier und Jetzt zu verstehen." Nimmt man ihnen die Kastagnetten und das Torerojäckchen einmal weg, so sehen wir in Carmen, Don José, Escamillo und Micaëla vier sehr unterschiedliche Lebensentwürfe, die, wie die Geschichte zeigt, in ihrer Überlagerung zu vehemeten Konflikten führen. "Ein Kampf der Geschlechter", so Schönfeldt, den mehr das Kammerspiel als das große Genrebild an der Oper reizt.
    Friedrich Nietzsche sieht in der Figur der Carmen, so schreibt er in "Der Fall Wagner", "die in die Natur zurückübersetzte Liebe!" Kann das sein? Die Zeitgenossin der Dampfmaschine, die in jedem Augenblick inszenierte Carmen, wäre Natur? Ist sie nicht vielmehr ein Konstrukt? Eine Männerphantasie am Ende? Escamillo verbirgt seine Inszenierung nicht und Micaëla steht zu ihrem bürgerlichen Lebensideal von Ehe, Familie und Verantwortung. José schlingert hilflos zwischen diesen Positionen und versucht am Ende in Carmen seine eigene Instabilität zu töten. Vergeblich, wie man befürchten muss. Er erlag genau dem, dem auch wir mit jeder Opernaufführung neu erliegen und was die Übersetzung des Namens "Carmen" uns offenbart: Gedicht, Gesang, Zauberspruch.

    Musikalische Leitung: Per Borin
    Regie: Matthias Schönfeldt
    Ausstattung: Kersten Paulsen
    Dramaturgie: Bernd Schmitt

    Zuniga, Leutnant                  Philipp Schulz
    Morales, Sergeant                Simon Stricker
    Don José, Sergeant              Chulhei Cho / Tianji Lin

    Escamillo, Stierkämpfer        Jongwook Jeon / Vladislav Pavliuk

    Dancaïro, Schmugglerchef     Thomas Roeshol
    Remendado, Schmuggler      Thembinkosi Mgetyengana

    Carmen, Zigeunerin              Taxiarchoula Kanati / Carmen Seibel
    Frasquita, Zigeunerin            Dafne Boms
    Mercédès, Zigeunerin            Lisbeth Juel Rasmussen

    Micaëla, Bauernmädchen       Maria Taxidou / Manuela Vieira

     

    Chor: Melanie Dreher, Armine Ghukasyan, Katharina Hahn, Jasmin Hosseinzadeh, Schirin Hudajbergenova, Vanessa Looß, Carolina Lopez-Moreno, Sophia de Otero, Johanna Pommranz, Melia Tagovailoa, Francesco Ciraci, Emanuel Fluck, Kenneth Godbille, Josua Guss, Konstantin Krimmel, Jan-Henrik Witkowski, Chase Wood, Dai Yue

     

    Es spielt das HochschulSinfonieOrchester der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

    Premiere am 10. Juni 2015, 19 Uhr im Wilhelma Theater.

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Georg ist daneben - Figurentheaterproduktion für Kinder

    von Tom Tonnberg

    „Wenn du überlegst, wo ist denn daneben? Nirgends, denn neben daneben kommt wieder etwas Neues und so geht es immer weiter. Das bedeutet, dass alles richtig ist, was du malst.“

    — Ibi-Upu (der unsichtbare Indianer - Janosch)

     

    Georg kommt neu in die Klasse 3f der Wolfbuschgrundschule. Hier trifft er auf den Sprücheklopfer Finn-Friedrich, der ihn sofort Schorschi nennt, den neunmalklugen Berti, die dicke Meli, die süße Sandy und schließlich auf den Schrecken der Schule: Kevin Knorke aus der Nachbarklasse. Auf dem Schulhof spielen sie „wer den weitesten Sprung von der schwingenden Schaukel macht, hat gewonnen“. Die Kinder finden, dass Schorschi ein Angsthase ist, nur weil er lieber nicht von der schwingenden Schaukel springen möchte. Er möchte auch lieber keinen großen Käfer anfassen oder Kevin Knorke mal so richtig eine kleben. Schorschi steht einfach lieber daneben und guckt. Doch als er beim Spaziergang die Kindergruppe verliert und allein durch den Wald irrt, begegnet er einer Gruppe sehr großer und isegrimmiger Tiere. Und plötzlich steht Schorschi nicht mehr daneben, sondern mittendrin: Nachdem die Tiere beschlossen haben, Schorschi doch nicht zu fressen, nehmen sie ihn in ihr Rudel auf. Und da sie einfach nichts mit sich anzufangen wissen, was Spaß bereitet, außer andere aufzufressen, bringt ihnen Schorschi das Spielen bei. Das ist gar nicht so leicht, denn jeder der struppigen Genossen hat irgendeine andere Angst, die es zu überwinden gilt, bevor schließlich alle wild herumtoben können. Am nächsten Tag kehrt Schorschi in die Schule zurück und wagt nun endlich ein Risiko einzugehen... Eine Geschichte mit Puppen über das Vertrauen in sich und den eigenen Kopf.

     

    Für Kinder ab 7 Jahren

     

    Regie und Konzept: Prinzip Gonzo (Tim Tonndorf und Holle Münster)

    Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen

    Figuren: Janusz Debinski

    Spiel: Tanja Höhne, Anika Herzberg, Julia Jung, Carmen Jung, Sarah Wissner und Robert Buschbacher

    Eine Produktion des Studiengangs Figurentheater

    Ab 12. April 2015 im Wilhelma Theater

     

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Joseph Haydn: Orlando Paladino

    Foto: C. Kalscheuer

    Orlando Paladino
    Musik: Joseph Haydn; Text: Nunziato Porta
    UA: 1782, Schloss Eszterháza

    Opernproduktion der Opernschule der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Warum Nunziato Porta und Joseph Haydn ihre 1782 uraufgeführte Oper Orlando Paladino genannt haben und nicht bei Ariosts Titel Orlando furioso geblieben sind, ist nicht bekannt. Vielleicht musste der besseren Unterscheidung wegen der rasende Roland dem treuen Anhänger Roland weichen. Inhaltlich lässt sich eine solche Umbenennung nur schwerlich nachvollziehen. Die beiden Autoren erzählen nämlich gerade nicht den Moment von Rolands treuer Gefolgschaft sondern den Moment des kompletten außer sich seins. Jeden, den er trifft, bedroht Orlando mit der Waffe und sein Gegenspieler Rodomonte tritt nie auf, ohne jemanden totschlagen zu wollen. Den Gegenpol dazu bildet auch keine romantische Liebesgeschichte, sondern die Furcht aller vor der männlichen Gewalt als die andere Seite dieser Medaille. Angelica, Orlandos Objekt der Begierde, hat zwar ein inniges Wiedersehensduett mit ihrem Liebhaber Medoro, aber ansonsten herrscht auch hier nur dunkle Vorahnung und Todesangst. Lediglich das Buffo-Paar durchbricht den Bann des Grauens, wobei dessen Duett mit seinem bei Papa Haydn kaum vermuteten Lustgestöhne mehr erotisch-sexuell als verliebt-romantisch vertont wurde.
    Die Inszenierung der Opernschule stellt sich der Herausforderung dieser Materie und verabschiedet sich komplett vom pittoresken Rokoko-Idyll. Sie nimmt die Gewalt, die Angst, den Schmerz, die Liebe und die Sexualität, die die Autoren den Figuren mitgegeben haben, ernst. Orlandos Raserei wird als das gezeigt, was sie ist: als Amoklauf. In einem unsicheren, an jeder Stelle durchlässigen Raum sind die Protagonisten einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen trägt Haydns Musik diese Kraft in sich und stützt die Figuren in ihrem existentiellen Kampf. So entpuppt sich wieder einmal Haydn als der ewig Unterschätzte, den man nie härter und direkter sah, als in seinem rasenden Orlando paladino.

    Mit: Alice Chinaglia, Chulhei Cho, Alice Fuder, Taxiarchoula Kanati, Tianji Lin, Maja Majcen, Thembinkosi Mgentyengana, Philipp Nicklaus, Philipp Schulz, Jeanne Seguin, Simon Stricker

    Es spielt das Stuttgarter Kammerorchester
    und Studierende der Bläserklassen
    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Regie: Bernd Schmitt
    Bühne und Kostüme: Birgit Angele

    Werkeinführung jeweils 30 min vor Vorstellungsbeginn im Foyer

    Inszenierung empfohlen ab 14 Jahren!

    Ab 26. Januar 2015 im Wilhelma Theater

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Die drei Räuber - Figurentheater für Kinder ab 5

    Fotos: Andreas Zauner

    Die WLB Esslingen zu Gast im Wilhelma Theater:

    Tomi Ungerer
    Die drei Räuber

    Sie sind drei Räuber, wie sie im Buche stehen: Keine Kutsche ist vor ihnen sicher, so manchen Reisenden erleichtern sie um seine Barschaft. Bis ihnen eines Tages ein ganz besonderes Beutestück in die Hände fällt: das Waisenmädchen Tiffany. Die weigert sich ganz einfach, Angst vor den düsteren Gesellen zu haben und macht sich frech und unerschrocken daran, das Leben der Drei gehörig auf den Kopf zu stellen. Wie es ihnen mit dem neuen „Familienmitglied“ ergeht und was die Räuber eigentlich mit ihrem gewaltigen Schatz vorhaben, davon erzählt „Die drei Räuber“ auf spannende und herzerwärmende Art und Weise.

    Bereits 1961 schuf der Autor, Zeichner und Illustrator Tomi Ungerer sein beliebtes Bilderbuch, das seitdem Generationen begeistert hat und zum Klassiker geworden ist.

    Für „Die drei Räuber“ arbeitet die WLB mit den Studiengängen Figurentheater der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart sowie Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin zusammen.

    Inszenierung: Hans-Jochen Menzel
    Ausstattung: Katrin Busching
    Puppenbau: Peter Lutz
    Mit: Daniel Elias Böhm, Sascha Bufe, Sabine Christiane Dotzer, Martin Frolowitz, Hanna Malhas, Nico Parisius, Eike Schmidt, Lena Wimmer

    Für Kinder ab 5 Jahren

    Premiere im Wilhelma Theater am 6. Dezember 2014

    Henrik Ibsen / PEER GYNT / Szenen

    Wer ist Peer Gynt?
    Ein Fabulierer und Phantast, der keinen Unterscheid macht zwischen Traum und Realität. Ein Kindskopfkaiser, der Alles will und doch sich selbst genug ist; auf der Suche nach sich selbst und auf der Flucht vor sich selbst; immer ein Anderer: Verführer, Versager, Unternehmer, Prophet und Irrenhausbewohner, alles in allem eine entblätterte Zwiebel ohne Kern.
    Wer könnte dieser Peer Gynt sein? Diese Frage stellen sich acht Schauspiel- und drei Figurentheater-Studierende und treten damit eine phantastische theatrale Recherchereise auf der Bühne an: Wie lässt sich zum Beispiel mit der Sprache auf dem Rücken eines Bocks über den Gendingrad reiten? Wie kann die Verzerrung der Realität im Königreich der Trolle dargestellt werden? Welcher Phantasiewelt entspringt der Krumme, der Peer doch tätlich nach dem Leben trachtet? Warum scheint Solveigs Welt dagegen stillzustehen?
    Mehr als möglichen Antworten und mehr als der Vollständigkeit der Etappen gilt die Reise dem Aufbruch und dem Abenteuer!

    Es spielen die Studierenden des 3. Jahrgangs der Schauspielschule und des Figurentheaters: Jessica Cuna, Lucie Emons, Laura Locher, Susanne Schieffer, Frederik Bott, Alexey Ekimov, Rudy Orlovius, Philipp Sommer und Angela Blanc, Winnie Luzie Burz, Jan Jedenak

    Regie und Bühne: Thomas Krupa
    Kostüme: Leah Lichtwitz
    Choreographie: Verena Weiss
    Mitarbeit Figurenspiel: Stephanie Rinke

    Premiere am 8. November 2014, weitere Vorstellungen im November und Dezember 2014 sowie im Februar 2015!

    Fotos: Maurice Korbel

    Expedition Mozart: Wenn ich wenigstens wüsste, wo ich wäre

    „Wenn ich wenigstens wüsste wo ich wäre“, lauten die verzweifelten Worte Papagenos aus der „Zauberflöte“. Nicht wissend wo die Reise hinführt, folgt er Tamino ins unbekannte Reich des Sarastro. Auf der Suche nach Liebe, Glück und Anerkennung eröffnen sich jedoch neue Türen in ungeahnte Gefühlswelten.

    Mozarts Musik beschreibt die Ängste und Sehnsüchte seiner Figuren. Das Streben nach Erfolg und Ruhm führt nicht selten über Hindernisse zum Ziel. Doch was können seine Melodien über die Opernhandlung hinaus? Wie nehmen wir diese Musik wahr, was kann sie in uns auslösen?  

    Prof. Kathrin Prick widmet sich in ihrer Abschiedsarbeit vom Wilhelma-Theater gemeinsam mit allen Studierenden und vielen Dozenten der Opernschule der Frage nach der Aktualität Mozarts im Heute und Hier. Ausgehend von der konkreten Lebenssituation der Gesangsstudenten entsteht ein Experiment, das sich dem subjektiven Empfinden von Mozarts Melodien widmet. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Studierenden aus elf Nationen begeben sich auf eine Spurensuche in Mozarts Musik, seinen Bühnenfiguren und sich selbst. Ein Theaterabend aus jugendlichem Esprit und emotionaler Tiefe.

    Ein Opernabend der Opernschule.

    Mit dem Stuttgarter Kammerorchester
    und Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Regie: Kathrin Prick

    Premiere am 5. Juni 2014, 19 Uhr. Weitere Vorstellungen bis zum 16. Juni 2014.

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    ZYRKL - im Kopf von Nr. 45

    Drei Figurenspieler untersuchen die Falltüren und Geheimgänge in dem Gebäude, das sich Persönlichkeit nennt. Sind die Wände unseres Selbst verrückt? Wen können wir aufhängen, wenn alle Bilder die wir von uns haben Fälschungen sind? Die Tapeten sind zerknittert. Unsere Wände sind rund geworden. Wir krümmen den Raum. Wie viel Ich steckt im Wir? Und wie viel Wir im eigenen Ich?

    ZYRKL ist die Einladung auf eine Expedition in verschollene Räume des 174 Jahre alten Wilhelma Theaters. Zwischen Kopfkino, Hirntripping und Moonshooting - Eine Reise für 70 Zuschauer, hilfreiche Tiere und 3,141 Spieler.

    Es spielen Studierende des zweiten Jahres Figurentheater:

    Winnie Luzie Burz, Paula Zweiböhmer und Jan Jedenak, sowie zwei helfende Hände

     

    Regie: Florian Feisl

    Figurenbau: Antje Töpfer und Studiengang

    Video: Oliver Feigl

    Musik: Christoph "Mäcki" Hamann

     

    Premiere am 2. April 2014, in vielen Winkeln des Wilhelma Theaters.

     

    Fotos: Oliver Roeckle

    A.von Zemlinsky: Der Zwerg / G.Kurtág: Botschaften der verstorbenen R. W. Trussova

    Die neue Produktion der Opernschule - zwei moderne Operneinakter:

    Die Oper „Der Zwerg“ spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts am königlichen Hof, der sicher kein guter Ort für persönliche Empfindungen war. Der kleinwüchsige und missgestaltete Sohn eines Köhlers, der bislang im Wald lebte und mit sich und der Natur im Reinen war, wurde ob seiner grotesken Erscheinung seinem Vater abgekauft und landet schließlich im Palast auf dem Geburtstagstisch der Infantin. Er tanzt für sie und die Infantin ist entzückt. Nun glaubt der Zwerg, die Freude der Infantin gälte seiner Person und verliebt sich in dieses Wesen von nie gesehener Schönheit. Doch als die Zofe Ghita ihm sein Spiegelbild zeigt, das er noch nie zuvor erblickt hat, begreift der Zwerg, dass er für die Infantin nur ein Spielzeug war und stirbt an gebrochenem Herzen.

    Die Botschaften der R. W. Trussova handeln von ungestillter Sehnsucht, vom Begehren und Verlangen, von Genuss, Zärtlichkeit und Unterdrückung. Botschaften, die auch der Zwerg hätte schreiben können, wäre er einer poetischen Sprache mächtig gewesen oder die Infantin Donna Clara, falls sie in späteren Jahren ihr eigenes Herz entdeckt hätte, durchbohrt von der dünnen Nadel des Leidens. Mindestens so stark wie die Worte von Rimma Dalos vermittelt uns die Musik György Kurtágs eine Ahnung davon, wer Frau Trussowa gewesen sein mochte. Mit einem merkwürdigen Ensemble aus Oboe, Klarinette, Horn, Mandoline, Cymbalon, Harfe, Klavier, Celesta, Vibrafon, Xylophon, Glocken, Schlagzeug und drei Streichern schafft er eine Klangwelt von kaum gehörter, bisweilen körperlich schmerzhaft erfahrbarer Dichte.

    Es spielen Instrumentalisten der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Musikalische Leitung: Nicholas Kok
    Inszenierung: Kathrin Prick (Zemlinsky), Bernd Schmitt (Kurtág)
    Ausstattung: Birgit Angele
    Kammerfassung "Der Zwerg": Jan-Benjamin Homolka

    Premiere am 6. Februar 2014 im Wilhelma-Theater

    Alexander von Zemlinsky: Der Zwerg

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    G. Kurtàg: Botschaften der verstorbenen R.W. Trussowa

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Maxim Gorki: Nachtasyl

    Die wollen wir doch möglichst gar nicht sehen, weder im Leben und schon gar nicht im Theater – daran hat sich seit der Uraufführung 1902 nichts geändert – diese Verlierer, diese Gescheiterten, Entgleisten, Heruntergekommenen, diese überflüssigen Menschen, die im Nachtasyl gestrandet sind. Sind doch selber schuld, diese ‚Opfer’!

    Alles scheint in dieser Herberge für Obdachlose verloren zu sein. Was aber bleibt, sind die Menschen, die lieben, die hassen, die belügen und betrügen sich um ein paar Kopeken genauso erbittert, wie sie um den allerletzten Rest von Würde streiten. Je tiefer die Krise, desto stärker ist ihre Sehnsucht nach Veränderung, desto größer die Hoffnung auf Besserung. Mit allen Kräften wollen sie nur Eins: ein besseres Leben! Selbst wenn man dafür über Leichen gehen muss.

    So wird an dieser gesellschaftlichen Endstation das ganze Leben vorgeführt – und das Nachtasyl zum Brennglas oder Zerrspiegel.

    Es spielen die Schauspielstudierenden des 3. Jahrgangs: Sheila Eckhardt, Marlene Hofmann, Carmen Witt und Christian Czeremnych, Mark Filatov, Rudy Orlovius, Frederic Soltow

    und mit Rainer Philippi in der Rolle des Luka

    Regie: Mara Kimele, Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen, Dramaturgie: Franziska Kötz

    Premiere am 9. Oktober 2013 im Wilhelma Theater

    Fotos: Oliver Röckle

    Giuseppe Verdi: FALSTAFF

    Illustration: Kersten Paulsen

    Falstaff
    Commedia lirica in drei Akten
    Text von Arrigo Boito nach Shakespeare
    Musik von Giuseppe Verdi

    Falstaff ist Giuseppe Verdis letzte Oper. Mit ihr hat er der Nachwelt noch einmal, lange nach dem eigentlichen Untergang der opera buffa, eine musikalische Komödie hinterlassen, die auf geniale Weise den Kern des Genres mit einem altersweisen Blick über viele Jahrhunderte zusammenfasst. Die Geschichte vom Ritter Sir John Falstaff, der sich einen Bauch anfraß, um sich gegen die Zumutungen einer gemeinen Welt zu wappnen, inspirierte Verdi zu einer Musik, die mit einer unvergleichlichen Ökonomie der Mittel uns Figuren und Episoden vor Ohren führt, wie man sie bis dahin noch nicht gehört hatte.

    Die Opernschule der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst nimmt sich im Verdi-Jahr dieses Vermächtnisses an und wir werden sehen, wer neben dem dicken Sir John noch Platz hat auf den Brettern einer Welt, die weiter nichts ist als Posse.

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Regie: Matthias Schönfeldt
    Ausstattung: Kersten Paulsen

    Mit den Solistinnen und Solisten Meike Hartmann, Zografia Madesi, Maria Pizzuto, Marie-Pierre Roy; Yeun Ku Chu, Marcus Elsäßer, Jongwook Jeon, Yongkeun Kim, Dennis Marr, Seok Hoon Moon;

    dem Chor: Enni Gorbonosova, Anne Kathrin Gratz, Jasmin Hofmann, Sara-Maria Saalmann, Lena Spohn; Roger Gehrig, Sven Jüttner, Philipp Nickolaus, Philipp Schulz

    und dem HochschulSinfonieOrchester

    Premiere am 6. Juni 2013 im Wilhelma Theater

     

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Frankenstein - Figurentheater nach Mary Shelley

    Bild: Stefanie Oberhoff

    Ein Blitz durchzuckt die Nacht und schlägt in einen Körper ein. Es beginnt zu leben! Es lebt tatsächlich! Doch kaum in die Welt geworfen, ist das neue Lebewesen allein auf sich gestellt. Vom Erschaffer, dem nervenfiebrigen Wissenschaftler Frankenstein, keine Spur. Also raus in die weite Welt, deren menschliche Verhaltensformen sich die Kreatur schnell aneignet. Doch auch Sprache, Lesekunst und höfliches Auftreten helfen nichts: Der aus Leichenteilen zusammengesetzte Körper ist auf ewig entstellt und ruft das brutale Entsetzen der Menschheit hervor. Die Suche nach Liebe und Anerkennung treibt das Monster zurück zu seinem Schöpfer – doch dieser weigert sich, den Wünschen seines künstlichen Kindes nachzugeben und verspielt so in einem mörderischen Zweikampf nicht nur das Leben seiner Liebsten.

     

    Victor Frankenstein und sein Monster, die Geschichte von Schöpfer und Geschöpf, von Mensch und Monster. Die wohl bekannteste Horrorgeschichte des 19. Jahrhunderts aus der Feder der englischen Schriftstellerin Mary Shelley nehmen Studierende des Figurentheaters als Ausgangspunkt für ihre Reise zwischen Leben und Tod. Mit hyperrealistischen Puppen und kruden Objekten schlagen sie in ihrem figurentheatralen Forschungslabor Kerben in die romantische Erzählung auf der Suche nach dem Menschlichen im Monster und dem Monsterhaften im Menschen.

     

    Eine Produktion des Studiengangs Figurentheater der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart in Kooperation mit dem Puppentheater Magdeburg.

     

    Regie: Stephanie Rinke

    Dramaturgie: Tim Sandweg

    Puppen: Janusz Debinski

    Bühne: Stefanie Oberhoff

    Musik: Johannes Frisch

     

    Spiel: Angela Blanc, Iris Keller, Hanna Malhas, Coline Petit, Sascha Bufe, Eike Schmidt (Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart)

     

    Premiere am 12. April 2013 im Wilhelma Theater

     

     

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Paul Hindemith: NEUES VOM TAGE

    Foto: Christoph Kalscheuer

    Neues vom Tage 2013:
    Big Brother, Dschungelcamp, Bauer sucht Frau; wir wissen wie viele Beziehungen unsere PolitikerInnen haben (zumindest eheliche), wie viele Kinder sie bekommen (zumindest eheliche) und haben eine Ahnung, ob wir es mit einem Single, einer stabilen Beziehung oder Menschen mit Lebensabschnittsgefährten zu tun haben (anderes wird ausgeklammert). Deutschland chatet, postet, doodelt und weiß Bescheid über den Dackel von Paris Hilton, die Zahnspange von Till Schweigers Tochter, in welcher Unterwäsche Bar Refaeli ihren Pool säubert, und was sie dabei verdient. Wo „Neues vom Tage“ unser Gespräch bestimmt, regiert das Banale, die Routine und die Sensation – Zeit und Ort für Überhöhung, Bestimmung oder Sensibilisierung wirken wie Oasen einer vergangenen Zeit und das Private hat so viel Poesie wie ein karierter Strumpf. Doch nicht erst heute fällt auf, was der Ausverkauf der Gefühle bedeutet: 1929 hat Hindemith eine Oper darüber geschrieben (Text von Marcellus Schiffer) und der Abwesenheit von Poesie einen verstörenden Ausdruck verliehen.

    Kaum verheiratet wollen Laura und Eduard sich wieder scheiden lassen, das Ehepaar M macht es vor, doch was zunächst kurz und schmerzlos über die Bühne zu gehen scheint, erweist sich als kompliziert. Eine Scheidung braucht einen Grund, hier zu kaufen im „Büro für Familienangelegenheiten GmbH“ und personifiziert durch den schönen Herrn Hermann. Begehren ohne Gefühle soll er zeigen für und mit der scheidungswilligen Ehefrau, doch schon die Versuche misslingen so gründlich, dass die Venus von Milo zu Bruch geht. Eduard landet im Gefängnis und Laura in einer Hotelbadewanne, wo sie sich im Streit mit Herrn Hermann und Frau M schließlich dem halben Hotelpersonal entblößt gegenübersieht. Mit einem Chor versucht man sich der Peinlichkeit zu entledigen, doch der Mechanismus der Öffentlichkeit ist unerbittlich: Manager wittern die Story, wollen die Geschichte verkaufen und als Eduard und Laura sich einer neuen Gefühlswallung folgend doch nicht mehr scheiden lassen wollen, verwehren ihre Zuschauer ihnen dieses Recht.

    Die Uraufführung in der Krolloper (Berlin) fiel durch: zu experimentell schien Hindemiths Komposition. Und doch konnte man sich später des Eindrucks nicht erwehren, dass vielmehr der sozialkritische Stoff im unerwarteten Opernkleid Grund für die Irritation war.

    Eine Produktion der Opernschule der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Musikalische Leitung: Michael Klubertanz
    Regie: Bernd Schmitt
    Dramaturgie: Tina Brüggemann
    Ausstattung: Annette Wolf
    Musikalische Bearbeitung: Leyou Wang

    Mit: Isabella Froncala, Maria Pizzuto; Jongwook Jeon, Dennis Marr, Hansoul Moon;´Karline Círule, Jasmin Hofmann, Jeanne Seguin; Julian Popken und einem Kammerorchester aus Studierenden der Hochschule und Gästen.

    Premiere am 7. Februar 2013 im Wilhelma Theater

     

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Was ihr wollt

    Nicht umsonst heißt dieser Abend "Was ihr wollt": Shakespeare packte in seine beliebteste Komödie alles hinein, was man im Leben, in der Liebe - oder kurz - im Theater erleben will: anbetungswürdige Frauen, die sich als Männer ausgeben, Helden, die nicht nur ihre Schlagkraft, sondern auch ihre Sensibilität beweisen müssen; miese Karrieristen, die in den Keller gesperrt werden; Herrscher, die sich auch tatsächlich einsichtig zeigen; Großmäuler, die windelweich geprügelt werden …

    Und was genau passiert im Zentrum aller unerfüllten Sehnsuchtsstürme, echten Räusche und falschen Freunde? Die in der Fremde gestrandete Viola, nach einem Schiffbruch von ihrem Bruder Sebastian auf immer getrennt, entschließt sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ab sofort wird sie sich nicht mehr leidend ihrem Unglück ergeben, sondern zumindest anderen zu deren Glück verhelfen. Als Cesario verkleidet will sie dem Herzog Orsino bei dessen Liebesplänen helfen. Also wirbt sie als Bote bei seiner angebeteten Olivia. Und tatsächlich erwacht die Liebe in Olivia - doch nicht zum Herzog, sondern zu diesem ungewöhnlichen Boten. Und auch der verkleidete Bote verliebt sich - doch nicht in Olivia, sondern in den Herzog. Damit nicht genug, sind da auch noch Sir Andrew und der Diener Malvolio, die Olivia für sich haben wollen…

    "Was ihr wollt" ist eine verworrene und verwirrende Suche aller nach dem großen, ewigen, einzigen Glück - und die Hoffnung, es wenigstens nur für einen einzigen Moment in Händen zu halten, ehe jeder in Hysterie und Verzweiflung einsam versinkt.

     

    Es spielen Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart:
    Lilith Marie Häßle, Alrun Herbig, Marianne Jordan, Robin la Baume; Julius Forster, Daniel Friedl, Arlen Konietz, Andreas Ricci

     

    Regie: Samuel Weiss
    Bühne und Kostüme: Ralph Zeger
    Dramaturgie: Frederik Zeugke

     

    Premiere: 20.10.2012, 20 Uhr im Wilhelma Theater

     

    Fotos: Wolfgang Silveri

    DON GIOVANNI

    Foto: Christoph Kalscheuer

    Wolfgang Amadeus Mozart

    Dramma giocoso in zwei Akten

    Dichtung von Lorenzo Da Ponte

    in italienischer Sprache

     

    Den Bösen sind sie los. Das Böse ist geblieben.

     

    Über "Don Giovanni" ist alles gesagt. Seine Charakterisierung als Don Giovanni oder Don Juan in Texten und Kompositionen, in Filmen und der bildenden Kunst liest sich seit der Urfassung von Tirso de Molinas Komödie "El burlador de Sevilla y convidado de piedra"  aus dem 17. Jahrhundert weit über Spaniens Grenzen hinaus bis heute wie ein Telefonbuch.

    Im Gegensatz zu Casanova, aus dessen Memoiren wir wissen, wie er als venezianischer Schriftsteller vom 1725 bis 1798 gelebt und dass er der Uraufführung der Oper von Da Ponte und Mozart am 29. Oktober 1787 in Prag beigewohnt hat, ist Don Giovanni, der Archetypus des Verführers, eine fiktive, eine mythologische Figur. Als solche ist er ebenso berühmt und sagenumwoben wie ein Odysseus oder Herkules, wie eine Elektra, Medea oder Kassandra. Mythologische Figuren zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht eindeutig fassbar sind, weil sie von größter Disparität sind und in sich unvereinbare Ordnungen verbinden: Vom virilen, charmanten und charismatischen Verführer über den destruktiven, todessüchtigen Getriebenen bis hin zum wollüstigen, vergewaltigenden und mordenden Ungeheuer reicht die Bandbreite. Keine dieser Fassungen stimmt und alle stimmen; er ist dies alles und er ist es auch nicht, dieser Don Giovanni, dessen erste gesungenen Sätze wie eine Spielanweisung auf der Suche nach der Titelfigur klingen: "Donna folle! indarno gridi! chi son io tu non saprai." - "Verrücktes Weib, umsonst schreist Du! Wer ich bin, wirst Du nicht erfahren."

     

    Uns wird es in der Inszenierung am Wilhelma Theater weniger um die Entscheidung gehen, für welche Fassung dieser Figur wir uns entscheiden und welche Ordnung wir am Ende siegen lassen, sondern um die Frage: Was macht den Don Giovanni zum Don Giovanni, genauer: Wer macht den Don Giovanni zum Don Giovanni? Wir begeben uns auf die Spurensuche nicht nur nach dem, was Don Giovanni ist, sondern vor allem nach dem, was wir aus ihm machen: Wenn Männer und Frauen auf der Bühne wie im Publikum gleichermaßen zu Beginn von seiner grenzüberschreitenden Leidenschaft fasziniert sind, projizieren wir in den Don Giovanni nicht eine Sehnsucht, die wir in unserem eigenen Leben so oft nicht stillen können? Umso erleichterter sind wir, dass derselbe Don Giovanni, den wir eben noch für seine Grenzenlosigkeit bewundert haben, seinem rechtmäßigen Ende zugeführt wird und er in der Hölle schmoren muss, weil er zu weit gegangen ist und die gesellschaftliche Ordnung gewaltig ins Wanken gebracht hat.

     

    Das Chaos ist überwunden, die Ordnung nach der Bestrafung durch den Steinernen Gast wiederhergestellt - scheinbar: Donna Elvira kann ins Kloster gehen, Donna Anna schindet noch ein Jahr Zeit zur Hochzeit mit dem Tenor Don Ottavio, Masetto und Zerlina essen erst einmal Abendbrot und Leporello sucht sich einen neuen Job. Doch die Gewalt, die von der Titelfigur ausgegangen war, ist allen Figuren und der "Oper aller Opern" - wie der Schriftsteller und Komponist E.T.A. Hoffmann den "Don Giovanni" von Da Ponte und Mozart so nachhaltig bezeichnete - immanent. Sie ist in der Ouvertüre zu hören, sie setzt sich mit dem Übergriff an Donna Anna und dem Mord am ihrem Papa, dem Commendatore fort, geht über die Züchtigung Leporellos und Masettos bis hin zu den uns bis ins Mark erschütternden Schmerzensschreien der Zerlina im Finale I. Wie heiter das von Gewalt durchsäte dramma giocoso dabei bleibt, ist ebenso offen wie die Frage nach der Unversehrtheit der Figuren am Ende. Nicht ganz offen bleibt, dass Gewalt Spuren bei Menschen hinterlässt - bei denen, die sie ausüben, und denen, die sie erfahren.

     

    Eine Produktion der Opernschule

    Don Giovanni: DaeHyun Ahn/Daniel Raschinsky
    Donna Anna: Mi Yon Baek/Juliette Vargas
    Don Ottavio: Junho Lee/Ewandro Cruz Stenzowski
    Komtur: Patrick Zielke/Yeun Ku Chu
    Donna Elvira: Gunta Cese/Jennifer Owusu
    Leporello: JunHyog Jung/Patrick Zielke
    Masetto: Jongwook Jeon/Johannes Mooser
    Zerlina: Isabella Froncala/Maria Pizzuto

     

    Es spielen das Stuttgarter Kammerorchester und Studenten der Hochschule

    Ein Kammerchor aus Studenten der Hochschule

     

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein

    Inszenierung: Waltraud Lehner

    Bühne: Benno Brösicke

    Kostüme: Katherina Kopp

     

    Premiere 1 am 2. Juni 2012, 19 Uhr

    Premiere 2 am 3. Juni 2012, 18 Uhr

    im Wilhelma Theater

     

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    The turn of the screw

    Oper von Benjamin Britten nach der gleichnamigen Novelle von Henry James

    Unterdrückte Triebe, Rebellion gegen moralische Regelwerke und Gespenster mit erotischem Sendungsbewusstsein: Der Masterstudiengang Operngesang bringt mit „The Turn of the Screw“ einen Opern-Psychothriller auf die Bühne. Die düsteren Vorgänge um zwei Waisenkinder auf dem abgelegenen englischen Landgut Bly schildert Britten mit einer Musik von atemberaubender klanglicher Gewalt.

    „The Turn of the Screw“, zu deutsch „Die Drehung der Schraube“, erzählt von einem Netz verborgener Traumata, Ängste, Erwartungen und Sehnsüchte, in das die Kinder Flora und Miles verstrickt sind. Sie stehen unter der Obhut einer jungen Londoner Gouvernante und der greisen Haushälterin Mrs. Grose, die einen schockierenden Anpassungswillen an die Regeln des abwesenden und schwer beschäftigten Vormundes der Kinder zeigen. Sie zwingen den Geschwistern das eigene unreflektierte Rollenverständnis auf. Dann beginnt die Gouvernante, Geister zu sehen, und ein Kampf um die Zukunft der Kinder entbrennt.

    Alvaro Schoeck inszeniert dieses rätselhafte und provozierende Werk, das gleichzeitig eines der zugänglichsten und verführerischsten des 20. Jahrhunderts ist.


    mit Gunta Cese, Eva Eiter, Ewandro Cruz Stenzowski, Jennifer May Owusu, Kora Pavelic, Yao Yao

    Es spielt ein Kammerorchester aus Studierenden der Hochschule für Musi und Darstellende Kunst Stuttgart.

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Regie: Alvaro Schoeck
    Bühne und Kostüm: Kersten Paulsen
    Dramaturgie: Franziska Kronfoth

    Premiere am 16. Februar 2012 im Wilhelma Theater

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    O Vater, armer Vater, Mutter hängt dich in den Schrank und ich bin ganz krank

    Madame Rosepettle ist eine Frau von Welt, die weiß, wie man siegreich durchs Leben kommt und was sich gehört. Und natürlich weiß sie auch, was das Beste für ihre Familie ist. Ihren Mann hat sie unsterblich an sich gebunden, auf all ihren Reisen ist er dabei; er wartet treu und klaglos im Hotelzimmer, während sie die Gegend unsicher macht. Seit sie ihn ausstopfen ließ könnte ihr Leben so beneidenswert sein: Mit ihren Fleisch fressenden Pflanzen und ihrem Edelpiranha ist immer was los, nur ihr braver Sohn Jonathan macht ihr Sorgen, seit er sich auch für eine andere Frau als die Frau Mama interessiert. Ist diese Rosalie wirklich nur die schüchterne Babysitterin von Nebenan oder ein durchtriebenes Miststücke, das den Familienfrieden stört und einem zeigt, wie alt und überflüssig man geworden ist?

     

    Eine „pseudoklassische Tragifarce in einer pseudofranzösischen Tradition“ nennt der Autor Arthur Kopit (1937 in New York geboren) sein Stück des absurden Theaters, das vor fast vierzig Jahren vom Staatstheater Stuttgart aus seinen Siegeszug durch die deutschsprachigen Spielpläne antrat, mittlerweile fast vergessen ist und nun von jungen Schauspielern wieder entdeckt wird.

     

    Es spielen Schauspielstudenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst:

    Stephanie Biesolt, Shari Crosson, Henrike Hahn, Nora Quest, Yasin El Harrouk, Jonathan Hutter, Benjamin Janssen und Maik Rogge.

     

    Regie: Marc Lunghuß

    Bühne: Tobias Schunck

    Kostüme: Jennifer Thiel

    Dramaturgie: Frederik Zeugke

     

    Premiere im Wilhelma Theater am 14. Oktober 2011, 20 Uhr

    Fotos: Christoph Kalscheuer

    Orpheé aux enfers

    Copyright: Christoph Kalscheuer

    Jaques Offenbach wollte eine Parodie auf den Orpheus-Mythos schreiben. Genauer gesagt, sollte es ein Portrait des zweiten Kaiserreiches werden, gemalt im Gewand der griechischen Götter. Und waren die Bewohner des Olymps schon aus mythologischer Sicht nicht gerade zimperlich, so wurden sie bei Offenbach und seinen beiden Librettisten Halévy und Cremieux aller ihnen noch verbliebenen Anständigkeit und moralischen Integrität beraubt.

    Im Sinne einer Radikalaufklärung dürfen wir bei „Orphée aux enfers“ hinter die Kulissen schauen und erfahren, dass die ach so rührenden Geschichten um treue Liebe, echte Keuschheit und moralischen Anstand nichts sind als pädagogische Erbauungsliteratur für die Doch auch bei diesen sieht es nicht viel besser aus. Orpheus und Eurydice wären froh sich gegenseitig loszuwerden, doch braucht die Nachwelt wenigstens ein Beispiel einer treuen Liebe bis über den Tod hinaus und ihre Wahl fällt auf eben jenes Paar, dessen wahres Leben uns erst die Operette zeigen durfte.

    Orpheus fürchtet um seine Lektionen, Jupiter droht mit seiner Reputation die Deckung zu verlieren und die ganze Göttertruppe könnte auf Nimmerwiedersehen im Orkus versinken. Nur Eurydice scheint nichts zu verlieren zu haben und schert sich einen feuchten Kehricht. Gegen die Gefahr durch die Öffentliche Meinung ist ein Aufstand der Götter gegen Jupiter ein Klacks. Der Allvater wehrt ihn mit der linken Hand ab, indem er seinen verzuckerten Nektarnagern einen Ausflug in die Hölle inklusive Party spendiert und schlägt so allerlei Fliegen mit einer Klappe.

    Text von Hector Crémieux unter Mitarbeit von Ludovic Halévy
    Musik von Jacques Offenbach

    Version von 1858

    Gesungen in französischer Sprache mit deutschen Dialogen

    Mit Gunta Cese, Ramona d’Uva, Silvia Häntsche, Zografia Madesi, Tanja Kuhn, Tatjana Prybura, Melanie Schlerf, Haruna Yamazaki, Julian Popken, Christopher Kaplan, Nico Lindheimer, Daniel Raschinsky, Hitoshi Tamada, Christian Wilms, Patrick Zielke

    Es spielt das Orchester der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Musikalische Leitung: Per Borin
    Regie: Bernd Schmitt
    Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen
    Choreografie: Mario Heinemann
    Dramaturgie: Bettina Stiller-Weishaupt

    Premiere im Wilhelma-Theater Stuttgart am 27. Mai, 19:30 Uhr

    <media 882>Kritik in der Eßlinger Zeitung (31. Mai 2011)</media>

    La Finta Giardiniera

    Copyright: Christoph Kalscheuer

    Diese opera buffa. Die höfische Welt des untergehenden Absolutismus war wie besessen von solchen Komödien, in denen unter der Maske des heiter tändelnden, liebesverwirrten Personals eiskalte Experimente am lebenden Herzen durch- und vorgeführt wurden.

    Als aberwitzige Mischung aus Verwechslungskomödie, Rührstück und Schauerdrama werden hier Konventionen, Standesgrenzen und Geschlechterrollen nicht anders über den Haufen geworfen, als es das Rokoko beim Abgang seines Zeitalters auch in der Realität erlebte. Dieser Reigen verletzter Gefühle führt aber auch tief ins Innere verstörter Menschenseelen. Wenn hier sieben Personen in die Abgründe ihrer Empfindungen stürzen, wenn sie – für die Bühne erfunden, um von einer Hofgesellschaft begafft zu werden, die das Lieben verlernt hatte - endlich in all ihre existenziellen Bedrohungen geraten, hat der an ihnen durchgeführte Versuch den Beweis der in der Liebe regierenden Vergänglichkeit planmäßig erbracht.

    Auf der Zutatenliste für dieses Komödiengebräu steht eine von ihrem Verlobten aus Eifersucht fast getötete Gräfin, die versucht, verkleidet als Gärtnerin eines ebenso bescheiden begabten wie unbescheiden auftretenden Provinzpolitikers, das Herz ihres Verlobten zu prüfen. Außerdem eben dieser Verlobte, der in eine Verbindung mit der Nichte des Provinzbeamten zu fliehen versucht. Ferner das Dienstmädchen, das die Chance wittert, mit ihrem Herren endlich einen dicken Fisch an Land ziehen zu können – und der Diener seiner als Gärtnerin nicht besonders überzeugend auftretenden Gräfin, der hofft, das Dienstmädchen könnte sich stattdessen ihm zuwenden.

    Ein waschechter Kastrat aus dem Paralleluniversum der opera seria macht dieses bunte Personal von an Herz und Seele Maskierten erst richtig krude – und ist in seinem verstümmelten Körper, in seiner unfreiwilligen Travestierolle und seiner tragisch masochistischen Beziehung zu der Nichte doch der einzig Unverstellte in diesem seltsamen Biotop.

     

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Inszenierung: Sandra Leupold
    Bühne und Kostüme: Annette Wolf

    Orchester: Stuttgarter Kammerorchester, Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Es singen Studenten der Opernschule: Stefania Kurtikyan, Michael Mogl, Kora Pavelic, Melanie Schlerf, Julia Späth, Christian Wilms, Patrick Zielke

    Premiere im Wilhelma-Theater am 11. Februar 2011, 19 Uhr

     

    Ein Sommernachtstraum

    Copyright: Christoph Kalscheuer

    Am Hof von Athen will Herzog Theseus endlich seine Hippolyta heiraten, die aber nicht unbedingt ihn. Auch den Untertanen ergeht es in Liebesdingen nicht viel besser: Helena liebt Demetrius, Demetrius aber liebt Hermia, Hermia liebt Lysander und Lysander wiederum liebt Helena – da hilft nur die Flucht in den Wald, die Liebenden voran, die Eifersüchtigen hinterher. Ein lustvoll liebestoller Sommernachts-Alptraum beginnt, sein Dirigent ist der Waldgeist Puck, Diener des ebenfalls zerstrittenen Königspaares im Feenreich, Oberon und Titania. Mithilfe einer Zauberblume bewirkt Puck, dass sich die Falschen in die Richtigen und die Richtigen in die Falschen verlieben. In diesem Dickicht der Gefühle, dieser Midsummer-madness,

    Aus dem Englischen von Jürgen Gosch, Angela Schanelec und Wolfgang Wiens

    Es spielen Schauspielstudenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst

    Regie: Gerd Heinz, Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen, Dramaturgie: Franziska Kötz

    Premiere im Wilhelma Theater am Freitag, den 8. Oktober 2010

    La Bohème

    Copyright: Dominik Eisele

    Was bleibt übrig – so fragen wir uns bei der Konzeptionsarbeit für Puccinis Oper „La Bohème“ – was bleibt übrig, wenn wir uns „La Bohème“ einmal ohne alle dekorativen Elemente denken? Kein Paris, kein Weihnachtsabend und kein Weihnachtsmarkt, keine Zollschranken und kein Schnee, der leise rieselt. Und, so wir es schaffen, wollen wir uns auch die restlos unglaubwürdige Edelkitscharmut unserer an der Pensionsgrenze agierenden Starensembles aus dem Kopfe schlagen. Was aber bleibt dann noch? Eine gute Geschichte von sechs jungen Menschen Anfang zwanzig, die sich mit Hunger ins Leben stürzen und kosten, was ihnen das Leben anbietet: Liebe und Kunst, Erfolge und Katastrophen, Not und Überfluss, Erfahrungen, Trennungen und Tod. Wir sehen (und hören), wie sich Charaktere formen, Träume zerplatzen, falsche Wege verlassen werden und richtige gesucht. Wir bewundern ihre Überheblichkeit und spüren ihre Angst. Eine gute Geschichte, auch ohne Plüschdekoration.

    La Bohème

    Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach Henri Murgers Roman ‘Scènes de la vie de Bohème’; Musik von Giacomo Puccini
    Uraufführung: Turin 1896

    Mit Mi-Yeon Baek, Saejoung Choi, Larissa Ciulei, Mirella Hagen, Yuna-Maria Schmidt, Nicholas Boragno, Hyun-Ouk Cho, Hyorim Choi, Don Lee, Dennis Marr, Caio Monteiro, Johannes Mooser, Kai Preußker, Daniel Raschinsky, Joun-Seong Shim, Patrick Zielke, Friedrich Mack, Andreas Großberger.

    Orchester: Württembergische Philharmonie Reutlingen
    Chor: Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, sowie Gäste,
    Jugendchor Cantiamo, Leitung Robert Bärwald

    Musikalische Leitung: Bernhard Epstein
    Inszenierung: Bernd Schmitt
    Bühne und Kostüme: Claudia Philipp

    Premiere am 13.6.2010 um 18 Uhr und 15.6.2010 um 19.30 Uhr im Wilhelma-Theater Stuttgart

    Penelope

    Copyright: Dominik Eisele

    „Vergiss nicht, dass ich hier auf dich warte … immer“, sagt das Mädchen Penelope zu ihrem Schaukelpferd im Kinderzimmer, das mit Spielzeug übersät ist wie die Bibliothek eines Gelehrten mit Bücherregalen. Die Titelfigur beherrscht wie ihre homerische Namensschwester die Kunst des Wartens und des sich vorbehaltlos Überraschenlassens. Damit schlägt sie die Tonlage des Stücks an. Mit zauberhaften und verführerischen Mitteln verzichtet dieses Stück auf eine zusammenhängende Handlung im Sinne konventioneller und begründender Erzählhaltungen.

    „Penelope“ verstößt permanent gegen Denk- und Sprachkonventionen, gegen die Gesetze vertrauter Rationalität und Realität. Das Stück unterlässt mit provozierender Phantasie die üblichen Kategorisierungen. Es ist ein Spielzimmer, in dessen Kosmos eine Überraschung der anderen die Hand reicht, und dessen dramatische Spannung in der verblüffenden Reihung der wechselnden Figuren und Räume liegt. Penelope ist eine dem lyrischen Ich vergleichbare Protagonistin, deren innere Welt im Zentrum steht; und doch wirkt diese dramatische Konstellation wie ein lebendig gewordenes Bilderbuch. So vermischen sich kaleidoskopisch Menschen und Ereignisse: ein buntes Theaterereignis.

    Regie: Verena Weiss
    Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen
    Komposition: David Morrow
    Dramaturgie: Michael Huthmann

    Es spielen Schauspielstudierende im 3. Studienjahr an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst:

    Lara Beckmann, Hanna Franck, Mirjam Sommer, Margarita Wiesner, Dolores Winkler und Daniel Fischer, David Liske, Konstantin Marsch

    Premiere am Freitag, den 26. März 2010 um 20 Uhr im Wilhelma Theater

    La Calisto

    Copyright: Dominik Eisele

    Ein vom Krieg verwüstetes Land. Jupiter und Merkur betreten als neue Besatzer das von ihnen zerstörte Gebiet. Sie gebärden sich als Retter und bedienen sich selbstverständlich der besiegten Güter und Menschen. Als sich Calisto gegen Jupiters Zudringlichkeit wehrt, zwingt er sie in ein sadistisches Rollenspiel. Ein Spiel um Macht und Unterwerfung beginnt.

    Die erotische Triebhaftigkeit des Menschen und die damit einhergehenden Mechanismen der Macht haben Pier Francesco Cavalli und sein Librettist Giovanni Faustini zum Thema ihrer 1651 in Venedig uraufgeführten Oper gemacht. Als Vorlage dienten ihnen Motive aus Ovids Metamorphosen.

    Regisseur Marco Štorman legt über die Opernhandlung die Folie des Krieges. Die Beziehungen zwischen den Menschen werden in dieser Extremsituation radikalisiert und die unterdrückten Mechanismen von Macht und Perversion zutage gefördert.

    Die Besetzung der Produktion La Calisto gleicht einer Versuchsanordnung: Fünf Opernsänger, fünf Figurentheater-Spieler mit Live-Kameras und ein Schauspieler stehen gemeinsam auf der Bühne. So werden die Grenzen der verschiedenen Genres aufgehoben. Es entsteht ein bilderreich-experimentelles Stück Musiktheater, das sich nicht zuletzt auch mit den Bilderfluten und Stereotypen unserer Wahrnehmung von Krieg auseinandersetzt.

    Oper von Francesco Cavalli (1602-1676)

    Dramma per musica von Giovanni Faustini
    Stuttgarter Fassung von Marco Štorman, Michael Klubertanz, Miriam Reimers, Werner Knoedgen
    Eine Kooperation der Opernschule mit dem Studiengang Figurentheater
    In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

    Musikalische Leitung: Michael Klubertanz, Regie: Marco Štorman, Figurenszenen/-bau: Werner Knoedgen, Sylvia Wanke, Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen

    Es singen und spielen Studentinnen und Studenten der Opernschule und des Studiengangs Figurentheater der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.
    Mit Indra Podewils, Hyun-Ah Kim, Yuna Maria Schmidt, Melanie Schlerf, Kai Preußker, Leandro Bermudez (SängerInnen) - Pauline Drünert, Mirjam Ellenbroek, Laura Oppenhäuser, Stefan Wenzel (FigurenspielerInnen), Sebastian Gerasch (Schauspieler) 

    Premiere am 05. Februar 2010 um 19.30 Uhr im Wilhelma Theater